Verwöhnte Großstädter

Freitag, Februar 05, 2016


Hand aufs Herz: All jene, die ebenfalls in einer großen Stadt wohnen, werden es wahrscheinlich schon längst wissen. Großstädter sind faule Säcke. Doch können wir auch wirklich etwas dafür? Öffentlichte Verkehrsmittel im Minutentakt, an Wochenenden durchgehend U-Bahn-Verkehr und so ziemlich alles, was man braucht, in unmittelbarer Nähe. Wie könnte man bei diesem traumhaften Angebot auch nicht schwach bzw. verwöhnt werden?

Seit ich in Wien wohne, merke ich an mir selbst, wie ich zunehmend verwöhnter werde. Zugegeben, einen gewissen Hang zum Faulsein hatte ich ja schon immer und der geduldigste Mensch bin ich auch noch nie gewesen. Seit letztem Jahr hat sich das aber nochmal etwas verschlechtert. Ursprünglich komme ich aus einem Ort mit ein paar tausend Einwohnern. Für deutsche Verhältnisse also genau das, was man im Jargon mehr oder weniger liebevoll als Kaff bezeichnen würde, für österreichische Verhältnisse ist mein Heimatort allerdings nicht gerade klein geraten. Auch damals hatte ich schon alles Wichtige in mehr oder weniger unmittelbarer Nähe, in die nächste Stadt war es nicht weit und auch in Wien - meinem jetzigen Hauptwohnsitz - war ich immer recht schnell. Der Nahverkehr bleibt allerdings dank der nicht vorhandenen Logik einer nicht näher bezeichneten österreichischen Nahverkehrs-Gesellschaft Jahr für Jahr mehr auf der Strecke, weshalb man mittlerweile schon froh sein muss, zumindest ein Mal stündlich einen Bus oder Zug zu haben. Da es manche Busfahrer zudem nicht immer so genau mit den eigentlichen Fahrzeiten nehmen, bin ich bei Besuchen in der Heimat immer schon gerne etwas früher bei der Haltestelle. Noch zehn Minuten warten? Kein Problem, geht ohnehin schnell vorbei. Wenn ich jedoch in Wien bei einer Haltestelle stehe und einen Blick auf die Anzeigetafel werfe, ist meine erste Reaktion meistens eher folgende:
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"Was, noch zehn Minuten? Das dauert ja noch ewig!"
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Zwar gehen die paar Minuten natürlich ebenfalls meist schnell vorbei, der erste Impuls ist mittlerweile aber eben eher obiger, besonders bei Minusgraden. Dass ich mit dieser Verwöhntheit aber bei weitem nicht alleine bin, zeigt mir täglich folgendes Szenario in den U-Bahn-Stationen:
Besonders zu Rush-Hours, die man natürlich auch in Wien besonders gut spürt, erlebe ich täglich die besondere Faulheit einiger Großstädter. Wenn sich bei bestimmten Stationen viele Menschen auf einmal aus der U-Bahn quetschen und zu den Rolltreppen drängen, ist es eigentlich klar, dass es sich etwas staut. Wären da nicht auch noch die normalen Treppen direkt daneben. Doch nein, die werden kaum benutzt, stattdessen stellt man sich lieber an, um gemütlich mit der Rolltreppe nach oben zu fahren, statt einfach mal die eigenen Beine dafür zu verwenden, wofür sie eigentlich gedacht sind. Ein Widerspruch in sich, denn auf der einen Seite ist man ungeduldig und kann nichts abwarten, auf der anderen Seite stellt man sich aber lieber an und wartet, obwohl man auch schneller sein könnte - wäre da nicht die eigene Faulheit. Ich nehme übrigens meistens die normale Treppe.

Bei mir kann ich ein derartiges Faulheits-Level also zum Glück noch nicht verzeichnen, ich habe allerdings die leise Befürchtung, dass es sich auch bei mir allmählich verschlimmern wird, je länger ich in Wien wohne. Spätestens, wenn ich selbst schon zu faul bin, rüber zum Supermarkt einkaufen zu gehen und stattdessen alles online bestelle, werden wir Gewissheit haben.

Hat von euch schon jemand Erfahrungen dieser Art gemacht? Wie seht ihr das - trifft es eurer Meinung nach zu, dass man immer fauler und verwöhnter wird, wenn man in eine größere Stadt zieht?

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9 Kommentare

  1. Verwöhnter in dem Sinne, dass man lange Wartezeiten nicht abkann und die Definition von "lang" sich sehr stark verändert? Ja, definitiv! War bei mir schon immer so. 10 Minuten warten ergeben bei mir genau so eine entsetzte Reaktion.
    Dass man nicht auch mal die Treppe nimmt, vor allem wenn man es eilig hat? Nö, ich nehme ich meistens die Treppe, außer es ist leer dann laufe ich Rolltreppen hoch oder runter, es kann mir meistens nicht schnell genug gehen ^^ ich hasse die ganzen Menschen, die einfach stehen und man nicht durchkommt.
    Ein Spruch, der mir übrigens dazu einfällt "Ein echter Großstädter bist du erst, wenn du der U-Bahn hinterherrennst, die alle 3 Minuten fährt." Da ist echt viel dran.
    Bei Supermärkten bin ich aber auch pingelig...ein Supermarkt, zu dem man fahren muss? Nee, geht gar nicht :D Aber von der Onlinebestellung bin ich noch weit entfernt :)

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    1. Also bei diesem Spruch ist bei mir genau das Gegenteil eingetreten, als ich noch nicht in Wien gewohnt habe und mal dort war, bin ich den Öffis immer hinterhergelaufen. Mittlerweile mache ich das aber nicht mehr, sondern warte einfach, weil ich mir denke "Lohnt sich nicht, kommt eh gleich die nächste U-Bahn/der nächste Bus" Echt seltsam :D

      Zu einem Supermarkt fahren finde ich selbst nicht so schlimm, weil eigentlich nichts weiter entfernt ist als ein paar Busstationen. Da stellt sich aber meistens mein Freund quer, weil er zu faul dafür ist und alleine will ich meistens nicht fahren, weil ich das alles nicht allein schleppen kann ^^

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    2. Haha jetzt erst den Spruch mit den 3 Minuten gelesen :) Dann doppelt es sich etwas mit meinem Kommentar ;)

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  2. Oh ja das stimmt. Da wird gerannt, um eine U-Bahn zu erreichen, die eh im 5-Minuten-Takt fährt. Allerdings habe ich es mir die letzten Woche etwas angewöhnt, auf dem Weg zur Arbeit die Treppe an meiner Haltestelle zu nutzen und nicht die Rolltreppe. Wobei angewöhnt das falsche Wort ist, ich muss mich tatsächlich noch dazu zwingen.

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  3. hahah FEEL U!!
    Ich hab es sehr genossen, dass in Wien die U-Bahnen im 3 Minuten Takt fahren. Daheim haben wir nur ein 5 Minuten Intervall. (FÜNF!!).
    An mein Leben auf dem Dort und den Möglichkeiten daraus kommen, möchte ich gar nicht denken. Gut, dass ich mittlerweile jenseits der 18 bin und, falls ich doch mal daheim bin, das Auto meiner Mum nutzen kann...ich glaube ich würde sonst verzweifeln haha.

    Übrigens bekam ich letztens das gelinkt :D
    http://dietagespresse.com/unfassbares-martyrium-wiener-38-musste-sieben-minuten-auf-bus-warten/

    Liebste Grüße!

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  4. Ha, über das Thema habe ich in meinem Abschlussbericht fürs FSJ geschrieben. Dieses habe ich nämlich in einer Kleinstadt absolviert, während ich ja aus einer Millionenstadt komme. Kenne also beide Seiten gut genug. Aber die 2-3 min auf Bahnenn warten, sind schon echt Luxus, das will man nicht missen. :D

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  5. RE: Ich bin ja da wohl selber eine von den Reisefreunden, obwohl ich jetzt nicht direkt Fernweh verspüre. Ich reise einfach gern. :D Aber man muss sich ja auch selbst auf die Schippe nehmen können, nicht wahr?

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  6. du musst die unbekannten bands hören, dann wird's saubillig!! :D
    Spaß beiseite, also ich hab sowohl welche für 4€ als auch welche für 1€..hmm hast du Patches? und wenn ja, wo tust du die ran?

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  7. Ich habe lange in der Großstadt (München) gewohnt, wohne jetzt noch im Einzugsgebiet und JA, ich kann deinen Post vollkommend nachvollziehen und mich einfühlen :D
    Ich habe ehrlich gesagt noch nichtmal den Führerschein, weil es sich in München einfach null lohnt, man hat UBahn/Bus/teilweise SBahn vor der Haustür und kommt überall wunderbar hin. Während man dagegen mit dem Auto in der Innenstadt totalen Parkplatzmangel hat und sich die Straßen zustauen...
    Kenne auch sehr viele junge Städter, die deshalb auch führerscheinlos sind. Irgendwann werde ich ihn aber dennoch nachholen müssen ^^°

    Rolltreppen/Aufzüge benutze ich dafür nie, das Treppenlaufen seh ich als tägliche "Fitness" an^^

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