Meine fremden Nachbarn

Mittwoch, März 23, 2016


Mein Wohnhaus hat über 30 Stockwerke, meine Wohnung liegt in einer der mittleren Etagen. Den Aufzug verwende ich, je nachdem, zwischen zwei und vier Mal täglich. Manchmal habe ich das Glück, den Aufzug für mich alleine zu haben und so auf direktem Wege in meine Wohnung zu gelangen, doch natürlich kommt es auch mindestens genauso oft vor, dass sich andere Hausbewohner auf dem Weg nach oben befinden, was durchaus auch mal nervig sein kann. Von Zeit zu Zeit aber ist es auch ganz interessant, vor allem, wenn ich mich mal wieder in einer philosophischen Phase befinde. Täglich sehe ich neue Gesichter, doch über die wenigsten weiß ich etwas mehr oder weniger Belangvolles. All jene, die wir hier wohnen, teilen nämlich hauptsächlich eines: die Adresse des Hauses.

Manche von ihnen sind sich sogar erstaunlich ähnlich.  Da wären zum Beispiel die immer gestresst aussehenden Businessmänner, die oft Schwierigkeiten damit haben, zu grüßen oder überhaupt aufzusehen und sich hauptsächlich mit ihrem neuen und super teuren Smartphone beschäftigen. Aussteigen sehe ich selten einen von ihnen, denn natürlich wohnen die meisten von ihnen jenseits des 20. Stockwerks. 
Sehr beliebt - wenn mir auch doch recht unverständlich, da wir immerhin in einer Großstadt und noch dazu einem Hochhaus wohnen - ist die Gruppe der Hundebesitzer. Vermutlich meine liebste Kategorie aller Hausbewohner, da ich ein großer Tierfreund bin und Tiere nunmal nicht von ungefähr die oft angenehmsten Zeitgenossen sind.
Die Zahl der Bewohner in meinem Alter dürfte hingegen verschwindend gering sein, zumindest hatte ich Begegnungen dieser Art seit meinem Einzug schätzungsweise weniger als fünf Mal.
Die Bewohnergruppe mit der vermutlich höchsten Anhängerzahl dürften aber die jungen Familien sein. (Info am Rande: In meinem Stockwerk sind mein Freund und ich der einzige kinderlose Haushalt.) Besonders bei Schönwetter, wenn ich nachmittags von der Arbeit nach Hause komme, darf ich mir regelmäßig den Aufzug mit jungen Müttern und ihren quietschvergnügten Kindern teilen. Das ist allerdings nicht immer spaßig, denn natürlich gibt es da auch ein paar Schreihälse, die von ihren Müttern allerdings selten sofort beruhigt werden und so bin ich immer heilfroh, wenn ich endlich - mit klingelnden Ohren - den Aufzug wieder verlassen kann.

Und dann gibt es aber auch noch einige, die sich nicht so leicht einkategorisieren lassen, die auf den ersten Blick keiner bestimmten Bewohnergruppe zugehören wollen. Besonders bei ihnen stelle ich mir diese und ähnliche Fragen: Wie wohl ihr Leben aussieht? Was sie heute so erlebt haben und heute noch erleben werden? Ob jemand auf sie wartet, wenn sie die Wohnungstür aufschließen? Fragen, die vermutlich auf ewig unbeantwortet bleiben, denn über eine Begrüßung bei Betreten und eine Verabschiedung bei Verlassen des Aufzuges kommt man selten hinaus.

Allzu traurig bin ich allerdings nicht über diese Anonymität der Großstadt, sie gefällt mir sogar. Und wenn ich mal wieder in Grübellaune bin, so wie gerade, stelle ich mir beim nächsten Mal einfach wieder vor, was ihnen den ganzen Tag über widerfahren ist, was sie heute noch machen und so weiter. Das ist oft vermutlich ohnehin interessanter, als die Wahrheit zu kennen.

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1 Kommentare

  1. Ich finde das ziemlich spannend! Ich liebe Menschenbeobachtungen, manchmal herumphilosophieren oder sich Geschichten dazu ausdenken. Ich bin zwar sehr denkbar, dass meine letzten beiden Adressen in Linz solche waren, wo sich alle Nachbarn gut kannten und verstanden (und dass ich nicht immer auf den Lift in meine Wohnung warten muss...). Trotzdem fand ich da Studentenheime immer richtig super, ständig neue Bekanntschaften im Lift, und wenn man keine Lust hat, quatscht man halt nicht.

    Ich glaube, ich hab' Wien-Entzug. 30 Stockwerke! Ich würde so oft es geht so hoch wie möglich hinauffahren und die Aussicht genießen. Ich liebe meine Arbeit im 10. Stock für genau das am allermeisten!

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